Marc Andeya-Trefny: 'Ziel'

zu Ludwig van Beethoven: 9. Symphonie, 3. Satz Adagio molto e cantabile

Öl auf Leinwand, Sand

Sehnsucht

Für Christina

 

Der Abend spinnt sein letztes Licht zu leuchtenden Visionen.

Man meint, der Genesis der Träume wachend beizuwohnen.

 

Mit namenloser Leichtigkeit befreit der Wind die Düfte.

Sie gleiten über träges Land, erobern still die Lüfte

 

und wandeln alle Fassbarkeit zu lichten Märchensphären,

um losgelöst von Zeit und Raum die Phantasie zu nähren.

 

Wie unsagbar geheimnisvoll die satte Erde leuchtet,

wie ruhig, wie müde schlägt ihr Puls, vom ersten Tau befeuchtet!

 

Als roter Seufzer stirbt im Westen würdevoll die Zeit,

gebiert sich aus der Glut der Farben neue Ewigkeit

 

und schwebt dem bunten Horizont als Liebende entgegen.

Die Wolken spiegeln ihr Verlangen, ohne sich zu regen.

 

Da krönt ein schemenhaftes Bild den Sinnenrausch der Stille,

erweckt in mir Empfindungen von nie gekannter Fülle:

 

Der Abend malt in meiner Seele zärtlich dein Gesicht,

gestaltet es aus Duft und Tau und samtig weichem Licht.

 

Aus großen, sonnenhellen Augen strahlt dein liebes Lachen.

Es lässt mich aus der Traumgewalt der Dämmerung erwachen.

 

Der Wind bemächtigt sich des Lächelns, trägt mir’s flüsternd zu

verschenkt es tröstend an mein Herz, bezaubert es wie du.

 

Sein klagender Gesang beschreibt, wie sehr ich dich vermisse.

Vielleicht küsst er auch dich heut’ Nacht

- als Bote meiner Küsse.

 

© Marc Andeya-Trefny