Marc Andeya-Trefny: 'Erato'

zu Miles Davis: 'Kind of Blue'

Pastell, Buntstifte, Rötelstifte, weiß gehöht

Apollo und der beleidigte künstler

 

Umflutet von Mondschein, von Nebel getragen,

erschien er heut Nacht im Asyl meiner Träume.

Er zog mit mir schweigend durch stockdunkle Räume

zum Tor des Erwachens, um leise zu fragen:

 

“Was quält dich? Du warst stets so stolz auf dein Schaffen.

Jetzt plagen dich Selbstzweifel, Missgunst und Wut.”

"Die Kunst -", sprach ich, blind von der Pracht seiner Schönheit,

"Sie nahm mir die Freude und jeglichen Mut.

 

Wie sehr ich sie liebte. Wie treu ich ihr diente,

im Glauben, sie sei mir gewogen.

Ich schenkte ihr Lieder, Gedichte und Bilder,

doch sie hat mich schändlich betrogen.

 

Sie rief mich. Dann schwieg sie.

Dann sprach sie. Ich glaubte.

Dann ging sie. Ich weinte.

Ich gab nur. Sie raubte.”

 

Da lachte mein Gast, sah mich mitleidig an

und sprach dann noch einmal zu mir:

“Ein großes Geheimnis enthülle ich dir:

Die Leiden der Künstler sind kindischer Wahn.

 

Was ihr auch versucht, um unsterblich zu werden

- wir tun es, verleih’n euren Handlungen Sinn.

Wir Götter gewähren euch eure Ideen,

sind all eurer Werke Essenz und Beginn.

 

Und wüsstet ihr Künstler um jenes Gesetz,

und wüsstet ihr um diese Gnade,

und fühltet ihr, wie tief verbunden wir sind,

dann träfen sich unsere Pfade.

 

Wir flüstern. Ihr lärmt

und vergesst, was wir schenken.

Ihr ahnt bloß. Wir wissen.

Ihr plant, doch wir lenken.”

 

© Marc Andeya-Trefny