Altausseer Phantasmen

zu Max Bruch: Violinkonzert Nr 1, Adagio

Öl auf Holz, Steine, Blätter, Altausseer Waldboden, Acryllack

80 x 100 cm

 

AN DEN ALTAUSSEERSEE

 

Unergründlicher Zauberspiegel der Götter!

Rätselhaft, dunkel und kalt, verströmst du dich dennoch wie eine liebende Mutter.

 

In deiner nachtblauen Ewigkeit dahinzutreiben, erschließt mir den Glauben an meine eigene Unvergänglichkeit. Und wenn ich aus deiner Tiefe emportauche – denn man muss ganz und gar in dir versinken, um dich richtig kennenzulernen -, entsteige ich einem Jungbrunnen, eingehüllt in einen Himmel, der tagein tagaus großes Welttheater spielt, ohne je seine Stille einzubüßen.

 

Rings um deine Kristallfläche schlängelt sich die anmutigste Uferpromenade des Salzkammergutes. Wie der äußerste Jahresring eines steinalten Baumes mäandert sie an Felsvorsprüngen und Schotterstränden entlang. Jeder Fußbreit Waldes, den sie dabei durchläuft, erzählt mir seine eigene Evolutionsgeschichte der Schönheit, jede Blumenwiese ihr eigenes traumglitzerndes Elfenmärchen.

 

Hoch darüber zwei noch aufmerksamere Lauscher. Als uralte Meister der Kontemplation verfolgen deine beiden Hausberge Loser und Trisselwand das verrückte Weltgeschehen völlig losgelöst. Dann aber spinnen sie alles Gehörte in ihren donnerschweren Wettersymphonien weiter – ein endlos währendes Konzert mit dem Ziel, auch dir immer wieder ein Maximum an kreativer Energie zu entlocken.

Denn was könnte inspirierender wirken, als der Entstehung deiner Kunstwerke beizuwohnen?

 

Erlaubst du etwa dem Regen, die makellose Glätte deines Wasserspiegels zu zerstören, so berühren dich seine Tropfen auch nach ungezählten Jahrtausenden noch wie Kinderküsse, ehe sie sich mit dir vereinigen. Sogar unter Hagel- oder Gewitterstürmen erschaffst du aus jedem konzentrischen Kreis, der dich liebkost, ein zeitloses Monument deiner Schöpfergewalt. Frühling, Sommer, Herbst – alles wird und vergeht nach deiner Regie.

 

Nur Väterchen Frost lässt du anstandslos aus der Reihe tanzen. Nur er darf dich und dein Reich bis zur Unkenntlichkeit verwandeln, sosehr vertraust du seinem altgedienten ästhetischen Instinkt, so genüsslich suhlst du dich im Unschuldsweiß seiner phantasievollen Zuckergüsse. Immerhin ist er es, der dir nach den bunt schreienden Sommermonaten deinen Seelenfrieden wiederbringt. Er allein versteht es, monatelang mit dir zu schweigen und zu träumen. Unter seinem Schutz gehst du selbst durch Tod und Wiedergeburt mit einem Lächeln.

 

Und doch ist auch er nur einer von unzähligen Künstlern, die du seit undenklicher Zeit in deinen Bann schlägst.

Wie viele Lyriker, Romanciers, Maler, Musiker, Komponisten und Schauspieler haben dich besungen, beschrieben, gezeichnet oder gemalt? Wie viele weitere Nutznießer deiner Zärtlichkeiten verehren dich wohl gerade jetzt, in diesem Augenblick?

Ihre Gesichter und Stimmen mögen verblassen wie ihre Worte, Melodien oder Pinselstriche. Doch etwas bleibt.

 

Schließlich erleben auch sie, die Endlichen, jedes Einatmen an deinen Ufern als künstlerische Befruchtung und jedes Ausatmen als Manifestation geistiger Unsterblichkeit.

 

© Marc Andeya-Trefny