Marc Andeya-Trefny: 'Jakobs Traum 2'

zu Ludwig van Beethoven: 5. Klavierkonzert, 2. Satz Adagio

Öl auf Leinwand

Unvereinbare Welten

 

“Ich konnte nicht schlafen”, erzählte der Junge,

“da hab’ ich spätnachts noch gelesen.

Das Märchen beschrieb eine Stadt in den Wolken.

Ich bin dort schon öfters gewesen.

 

Inmitten des Traummeers erhebt sich ein Gipfel,

von dort wächst die Stadt zu den Sternen.

Die baumeln am Mond an vergoldeten Fäden,

wie tausende kleine Laternen.

 

Wer immer es wünscht, kann die Nacht dort verbringen,

darf Burgfräulein sein oder König.

Er braucht dazu nicht einmal gutes Benehmen,

denn das zählt dort relativ wenig.

 

Vielleicht, Papa, möchtest du mit mir versuchen,

heut Nacht in die Stadt zu gelangen.

Dort gleicht jeder Traum einem seltenen Vogel.

Du könntest den buntesten fangen.

 

Und fängst du ihn ein und erfährst sein Geheimnis,

so halt ihn nicht fest, lass ihn fliegen,

sonst fiele er wie eine Träne zu Boden

und bliebe dort seelenlos liegen.”

 

“Das alles ist Unsinn!”, erklärte der Vater,

“Ich sprech' aus Erfahrung zu dir,

und all deine Bücher mit ihren Geschichten

sind nichts, als bedrucktes Papier.

 

Du musst endlich lernen, dich nicht hinter Märchen

und wirren Ideen zu verstecken,

dann wirst du die Gabe des klaren Verstandes

als Schlüssel zur Wahrheit entdecken.

 

Im wirklichen Leben, mein träumendes Söhnchen,

zählt nur, wer gut plant und klar denkt,

und nicht, wer den kostbaren Schatz seiner Sinne

an Phantastereien verschenkt.

 

Was sichtbar ist, gibt es. Was lebt, ist erklärbar.

Das Messbare nur hat Gewicht.

Und was sich dem Prüfstand des Denkens verweigert - 

nun, das existiert einfach nicht.

 

Ein Kind, das nicht lernt, statt der Märchengespenster

sein Köpfchen regieren zu lassen,

wird nicht bloß auf ewig in Luftschlössern hausen,

es wird seine Zukunft verpassen.”

 

“Nur weil du die Stadt mit den fliegenden Träumen

nicht seh'n kannst, so ist sie doch hier.

Ihr Großen seid blind für die deutlichsten Zeichen

und meint, ihr wärt schlauer als wir.

 

In meiner Welt ist es nicht wichtig zu planen.

Dort reicht es, sich selbst zu vertrauen.

Das Traummeer verschlingt alle Ängste und Sorgen,

die euch eure Lebenslust klauen.”

 

“Der Wohlstand, mein Söhnchen, vertreibt uns die Sorgen.

Dein Traummeer kann Geld nicht ersetzen,

und nur wer verdient, kann auch sorgenfrei leben.

Wer kein Geld hat, lernt es erst schätzen.

 

Dein Leben wird erst durch den Wohlstand zum Märchen.

Und stehst du auf eigenen Beinen,

so brauchst du sie nicht mehr, die kindischen Träume,

die dir heut so wichtig erscheinen.”

 

“Und doch könnt’ es sein”, rief das Kind, “dass in Wahrheit

der Traum Teil der Wirklichkeit ist.”

“Ich glaube wohl eher”, parierte der Vater,

dass du bloß ein Traumtänzer bist.”

 

Da murrte der Kleine: “Jetzt sehe ich endlich

die Dummheit in deinen Geschichten,

denn das, was du Wohlstand nennst, raubt dir die Träume.

Auf deine Welt kann ich verzichten!”

 

© Marc Andeya-Trefny