Marc Andeya-Trefny: 'Jakobs Traum 1'

zu Gustav Mahler: 4. Symphonie, 4. Satz 'Das himmlische Leben'

Öl und Gips auf Holz, Acrylfolie

ÜBER DIE RELIGIONEN

 

Im Zentrum des prachtvollen, himmlischen Gartens,

da stand eine riesige Eiche.

Die Wurzel der Eiche versah ihre Äste

mit allem, das nötig war, stets auf das Beste,

und jeder Zweig galt ihr das gleiche.

 

Nun kam es, dass einer der Äste sich rühmte,

die Stimme der Wahrheit zu hören.

Ihm weissagte einst ein ekstatischer Traum,

er allein sei der einzige wahrhafte Baum,

erwählt, alle Zweige zu lehren.

 

Verzückt schrie der Ast seine Mitäste an,

von Machtgier und Stolz übermannt:

“In mir wohnt die Wahrheit, die euch alle nährt!

Und folgt ihr mir nicht, seid ihr weniger wert,

als lausige Bröselchen Sand.”

 

Ein paar überspannte und morschere Zweiglein

vernahmen die flammenden Reden.

Der Ast war belaubt, und sie selbst waren nackt,

drum schlossen die Zweiglein mit ihm einen Pakt

und schenkten ihm dankbar ihr Leben.

 

Indes kroch aus jedem verborgenen Winkel

des Blattwerks ein Schreihals ans Licht

und wurde, kaum sprach er, von allen verachtet,

denn jeder Zweig hatte die Wahrheit gepachtet

und gönnte sie anderen nicht.

 

Die uralte, mächtige Wurzel verfolgte

befremdet den törichten Spaß

und sandte trotz allem mit äußerster Kraft

an all ihre Kinder den nährenden Saft.

Doch die frönten stur ihrem Hass.

 

Vergeblich beschwor sie die streitenden Brüder:

„Wer Wahrheit erkämpft, ist ein Narr!“

Doch gleichzeitig brüllte der gierige Krieg:

„Durch mich führt die Wahrheit euch alle zum Sieg“,

obgleich siegen unmöglich war.

 

Und bald darauf welkten und dorrten die Äste

und starben der Reihe nach ab.

Und das, was sie einst miteinander verbunden,

war ihnen für ewige Zeiten entschwunden

Die Baumkrone glich einem Grab.

 

Das Band zum beschützenden Stamm war zerbrochen

an Machtwahn, Verblendung und Lügen.

 

Schon längst ist das faulige Eichenlaub fort,

der Wurzelstock aber steht heute noch dort

und schmückt sich mit taufrischen Trieben.

 

© Marc Andeya-Trefny